Ausarbeitung von Bianka Möller, Katharina Schostok, Jane Gregor, Burkhard Czarnetzki
Lazarus & Launier, 1981:
Stressbezogene Transaktion zwischen Person und Umwelt
Gliederung
1
2
Vita von R. Lazarus und Übersicht (Katharina Schostok)
Das Stresskonzept  
(Jane Gregor)
2.1
2.2
2.3
Stress als Reiz
Stress als Störreaktion selbst
Stress als Beziehungskonzept
3 Transaktion und Interaktion (Burkhard Czarnetzki)
3.1
3.2
3.3
3.4
3.5
Basisaxiome des Interaktionismus
Theorien mit klassischen Konzepten
Der transaktionistische Ansatz
(Beschreibung von Prozessen)
Der interaktionistische Ansatz (Suche nach Determinanten)
Geologische Analogie
4 Frühe theoretische Forschungsansätze der Lazarus-Gruppe (Katharina Schostok)
4.1
4.2
Untersuchung zur kognitiven Bewertung und intrapsychischen Bewältigung
Grenzen des Laborexperiments
5 Grundlagen transaktionistischer Theorien (Bianka Möller)
5.1
5.2
5.3
Schema zur kognitiven Bewertung
Bewältigungsprozesse
Klassifikation von Bewältigungsprozessen
6 Zusammenfassung (Katharina Schostok)
Anhang
Literaturverzeichnis
1. Vita von R. Lazarus und Übersicht (Katharina Schostok)
Richard S Lazarus wurde 1922 in den USA geboren.
Seine Eltern waren einfache, arme Leute und der Traum von einer höheren Bildung schien schwer erreichbar zu sein. Er war ein guter Schüler, der viel las. Schon früh begann er sich für Psychologie zu interessieren, denn er wollte mehr über sich selbst erfahren und seine Probleme besser lösen können.
Die Psychologie stand damals noch am Anfang und niemand ahnte, wie stark sich diese Wissenschaft noch entwickeln würde. Obwohl er gegen das Unverständnis seines Vaters anzukämpfen hatte, entschied er sich für den schweren Weg und studierte ab 1938 Psychologie. Sein Studium finanzierte Lazarus mit einigen Hilfsarbeiten.
Der Einsatz als GI im zweiten Weltkrieg ermöglichte ihm 1948 seine Promotion an der Universität von Pittsbourgh. Danach wurde er Assistenzprofessor an der John Hopkins Universität. Später nahm er einen Posten als Direktor des Clinical Training an der Clark Universität an. Er veröffentlichte viele Essays und Aufsätze über klinische Psychologie und Persönlichkeitspsychologie. In beiden Disziplinen hat er die Forschung viel weiter gebracht.
Seit 1957 ist er Professor an der Berkeley Universität in Kalifornien. Als eines seiner wichtigsten Werke wird "Psychological Stress and Coping Process" (1966) angesehen. Es folgten noch weitere Arbeiten und Richard S. Lazarus gilt weithin als der Pionier der Stressforschung.
 
  Die referierte Arbeit von Richard S. Lazarus und Raymond Launier ist wie folgt gegliedert:
1
2
Transaktion und Interaktion
Das Stresskonzept
2.1
2.2
2.3
Stress als Reiz
Stress als Reaktion
Stress als Beziehungskonzept
3 theoretische Forschungsansätze
3.1
3.2
Untersuchung zur Bewertung und Bewältigung
Grenzen des Laborexperiments
4 transaktionistische Auffassungen
4.1
4.2
kognitiven Bewertungsprozesse
Bewältigungsprozesse
5 Zusammenfassung
Es erschien uns sinnvoll, zunächst das Stresskonzept vorzustellen, bevor wir auf die von Lazarus und Launier in Teil 1 vorgetragene Abgrenzung zwischen Transaktion und Interaktion und die damit verbundenen Einwände eingehen.
2. Das Sresskonzept
Der englische Begriff Stress kann mit Druck oder aber auch Beanspruchung übersetzt werden. Geprägt wurde der Begriff von dem Biochemiker Hans Selye 1936 innerhalb seiner physiologisch-medizinisch orientierten Theorie. Selye stellte fest, dass bei starken Umweltbelastungen wie z.B. Hitze oder Kälte der Organismus eine unspezifische Alarmreaktion zeigt. Er unterschied zwischen Eustress als einer notwendige und positiv erlebte Aktivierung des Organismus und Distress als belastende und schädlich wirkende Reaktion auf ein Übermaß an Anforderungen. Allgemein wird der Stressbegriff heute im letzteren Sinne benutzt.
Auf breiter Ebene wird folgende Definition für konsensfähig erachtet:
Stress entsteht durch die Auseinandersetzung
einer Person mit ihrer Umwelt.
Darüber aber, was genau innerhalb dieser Person-Umwelt-Beziehung als Stress zu bezeichnen ist, gibt es unterschiedliche Auffassungen.
In den bisherigen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit dem Stresskonzept sind drei grundlegende Zugangsweisen zu erkennen:
2.1 Stress als Reiz
2.2 Stress als Störreaktion selbst
2.3 Stress als Beziehungskonzept
2.1 Stress als Reiz:
Umgangssprachlich ist mit Stress häufig ein äußerer Reiz bzw. ein Umweltereignis gemeint. Stress im Sinne eines Reizes bezieht sich auf ein Geschehen in der Außenwelt, das mit einer Störungsreaktion beantwortet wird (220).
Dass Stressreize völlig unterschiedlicher Natur sein können, zeigt die folgende exemplarische Aufzählung einiger Stressoren:

Lebensereignisse:

  • Scheidung
  • Heirat
  • Trauerfall
  • Beförderung
  • Misserfolg
  • Gefängnishaft
  • Isolation
  • Krankheit

Systemstressoren:

  • Krieg
  • Hungersnot
  • Rezession
  • rascher sozialer Wandel
  • Überbevölkerung
  • Städtische Anonymitä

 

Katastrophen:

  • Hochwasser
  • Feuer
  • Erdbeben
  • Epidemien

Alltägliche Stressoren:

  • Straßenverkehr
  • Einkauf
  • Dinge verlegen oder verlieren

Chronische Stressoren:

  • soziale Konflikte
  • ungünstige Arbeitsbedingungen
  • Fehlen von Aufgaben
  • Fehlen von sozialen Kontakte
Die Auffassung von Stress als Gesamtheit zufälliger, äußerer Lebensereignisse, die eine Störung hervorrufen, wird beispielsweise in der von Holmes und Rahe angeregten Forschung zu Problemen bei Stress und körperlichen Krankheiten vertreten.
Eine Annahme dieser Forschung liegt darin, dass eine Anhäufung von Veränderungen in einer bestimmten Periode die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung bzw. Verhaltensstörung erhöht.
Dabei wird allerdings weder beachtet, inwieweit es sich um positive oder negative Veränderungen handelt, noch wie gut der Einzelne das Geschehen bewältigt.

Da innere Motive, Gedanken und Gefühle die Bewertung nicht beeinflussen, entspricht dieser Ansatz der behavioristischen Denkweise der S-R-Tradition (220).

2.2 Stress als Reaktion
In der Medizin und der Biologie ist die Definition von Stress als Reaktion auf ein Umweltereignis am häufigsten zu finden.
Stress als unspezifische Abwehreaktion bzw. konzentrierte Reaktion des physiologischen Systems gegen Umwelteinflüsse spielt sowohl bei den Forschungen Selye als auch bei Wolff eine große Rolle. Für Selye stellt Stress die Anpassungsreaktion des Organismus auf extern bedingte Notfälle dar, während Wolff Stress als Reaktion des Menschen auf viele Arten schädlicher Einflüsse und Bedrohungen sieht.
(zit. nach Hinkle, 1974, in: Lazarus & Launier, 1981, 222).
Stress aber nur als Reaktion zu begreifen, ohne zu fragen, wodurch diese Reaktion ausgelöst worden ist, scheint genauso unlogisch wie die Annahme, Stress bezeichne einen Reiz, ohne zu betrachten, was diesen Reiz stimuliert. Da unterschiedliche Personen auf denselben Reiz unterschiedlich reagieren, sind psychologische Merkmale sicher ein Faktor, der bestimmt, ob eine Situation als Bedrohung oder als Herausforderung angesehen wird. Trotzdem kann die Persönlichkeit nicht der einzige Faktor bei der Stressreaktion sein. Natürliche und soziale Katastrophen treffen manche Individuen häufiger als andere und viele persönlichen Krisen entstehen eher zufällig.
2.3 Stress als Beziehungskonzept
Das Beziehungskonzept lehnt es ab, Stress entweder als Reiz oder als Reaktion zu betrachten. Vielmehr wird die Auffassung vertreten, dass Stress die wechselseitige Beziehung beider Komponenten zueinander beinhaltet und dass beide Faktoren ursächliche Elemente innerhalb eines Systems sind. Das Hauptaugenmerk liegt daher auf den Beziehungsregeln, die das Auftreten von Stress bestimmen.
Lazarus & Launier beschreiben in ihrem Beziehungskonzept bestimmte Anpassungsprozesse zwischen einem System und einer Umwelt. Somit beziehen sie sowohl die Umwelteinflüsse (den Reiz) als auch die persönliche Bereitschaft bzw. Fähigkeit des Individuums, auf diesen Reiz angemessen zu reagieren, (das System) mit ein.
Sie definieren Stress als jedes Ereignis, das die
Anpassungsfähigkeit eines Systems (Individuum, soziales - oder organisches System) beansprucht oder übersteigt.
Mit
Beanspruchung ist hier gemeint, dass eine Mobilisierung erforderlich wird, die eine übliche Reaktion übersteigt. Diese Mobilisierung scheint erforderlich, da das System mit einem Umwelteinfluss konfrontiert ist, der eine Bedrohung bzw. Herausforderung darstellt.
Es wird zwischen
umweltbedingten und internen Anforderungen unterschieden. Umweltbedingte Anforderungen sind alle externen Ereignisse, die eine Anpassung des Systems erforderlich machen und im Falle des Scheiterns zu negativen Konsequenzen führen.
Werte, Ziele sowie Aufgaben eines Individuums innerhalb eines sozialen Systems, die bedroht werden, beziehen sich auf
interne Anforderungen. Übersteigen die Anforderungen die Fähigkeiten, wird dieses als Niederlage empfunden. Die Folgen dieses Erlebnisses hängen wiederum damit zusammen, was als negative Konsequenz zu erwarten ist, und wie diese Konsequenz persönlich gewertet wird. Mögliche Folgen könnten Zusammenbruch, Regression und Erschöpfung sein.
Die Gesamtheit der Eigenschaften des Systems, den Anforderungen zu begegnen und die negativen Folgen zu verhindern, wird als
Anpassungsfähigkeit verstanden.
Die Kräfte
Anforderung und Fähigkeiten sind gegenläufig. Das Gleich- bzw. Ungleichgewicht dieser Kräfte bestimmt, in welchem Maße eine Transaktion stressend ist (226f.).
3. Transaktion und Interaktion
3.1 Basisaxiome des Interaktionismus
3.2 Theorien mit klassischen Konzepten

3.3 Der transaktionistische Ansatz  (Beschreibung von Prozessen)
3.4 Der interaktionistische Ansatz  (Suche nach Determinanten)
3.5 Geologische Analogie
3.1 Interaktionismus
Interaktionismus ist der Oberbegriff für Theorien, die Wechselwirkungsprozesse thematisieren. Die psychologische Grundlagenforschung kennt 4 Basisaxiome des Interaktionismus
(Städler, 1998, 500f.):
  1. Aktuelles Verhalten ist eine Funktion vielfach gerichteter (multifaktorieller) Interaktion.
  2. Das Individuum ist in diesem Prozess ein aktiv Handelnder, der Intentionen nachgeht.
  3. Kognitive und motivationale Faktoren determinieren das Verhalten auf der Personenseite.
  4. Auf der Situationsseite ist die psychologische Bedeutung der Situationen für das Individuum ein entscheidender Faktor.
3.2 Theorien mit klassischen Konzepten
Gemäß moderner Auffassungen begehen Theorien nach dem klassischen Personalismus-Konzept den "Organismusfehler", d.h. sie überschätzen die Bedeutung statischer Eigenschaften. Theorien mit einem situationistischen Konzept hingegen messen situativen Determinanten eine zu hohe Bedeutung ("Stimulusfehler") bei. Moderner Interaktionismus versucht, das Personalismus-Situationismus-Problem durch Einbezug der Varianzanalyse – also mit sehr abstrakten mathematischen Mitteln – zu lösen. Nur Ansätze, die beide Seiten berücksichtigen, können als adäquat angesehen werden (Städler, 1998, 501).
Das Schaubild veranschaulicht die Komplexität der Stressanalyse (vgl. Nitsch, 1981, 41). Bei Lazarus & Launier geht es darum, "die äußeren und inneren Kräfte oder Reizbedingungen von Streßreaktionen sowie die intervenierenden Strukturen und Prozesse zu identifizieren, die bestimmen, wann und in welcher Form Streßreaktionen auftreten werden."
(Lazarus, 1966. Zit. n. Nitsch, 1981, 40).
3.3 Der transaktionistische Ansatz: Beschreibung von Prozessen
Der Begriff Transaktionalismus soll betonen, dass Wahrnehmung und Umwelt nicht in einer einseitigen linearen Beziehung zueinander stehen, sondern dass die Welt und der Wahrnehmende Teil eines ganzheitlichen Prozesses sind.
In der Analyse von R. S. Lazarus und R. Launier, die sie als "kognitiv-phänomenologisch" (214) bezeichnen, werden verschiedene Arten von Beziehungen zwischen Personen und Umwelt angenommen, die durch kognitive Bewertungsprozesse vermittelt werden.
In "Stress, Appraisal, and Coping" definieren Lazarus und Folkmann 1984:
"Stress ist eine besondere Beziehung zwischen Person und Umwelt, die von der Person dahingehend beurteilt wird, dass sie ihre Ressourcen beansprucht oder übersteigt und ihr Wohlbefinden gefährdet."
(Zit. n. Schlotz, 2001)
Die drei wesentlichen stressrelevanten Beziehungen seien Schädigung/Verlust, Bedrohung, und Herausforderung und weder der Person, noch der Umwelt zuzuordnen. Sie beschreiben ein Kräfte(un)gleichgewicht: Die Anforderungen der Umwelt beanspruchen oder übersteigen die Fähigkeiten der Person. Eine Anforderung zeichnet sich dadurch aus, dass sie zu schädlichen Konsequenzen führt, falls ihr nicht begegnet werden kann (214).
Neben Stress kennen wir auch andere Formen der Beanspruchung, wie etwa Ermüdung (bei Überforderung), Monotonie (bei Unterforderung) und psychische Sättigung (bei Frustration). Sofern keine Abhilfe geschaffen werden kann, führen alle diese Anforderungen, einschließlich Stress, langfristig zu Erschöpfungszuständen, die psychische und körperliche Störungen und Erkrankungen zur Folge haben können. Andererseits kann ein gewisses Maß an Stress durchaus auch leistungsfördernd und/oder belebend wirken (vgl. Graphik n. Winkler, 2001).
Schädigung/Verlust, Bedrohung und Herausforderung stellen Beziehungskonzepte dar, die über den Rahmen der Person- und Umweltvariablen hinausgehen. Der Begriff "Beziehung" (engl. relation) darf in diesem Zusammenhang nicht mit "sozialer Beziehung" verwechselt werden, sondern es geht um das Anpassungsverhältnis zwischen Person und Umwelt, dessen Bewertung vom "Gleichgewicht der Kräfte zwischen den Anforderungen und den Fähigkeiten" (214) der betreffenden Person abhängt.
Einer der kritischen Einwände bezeichnet den kognitiv-phänomenologischen Ansatz als zirkulär. Die bewertete Beziehung könne nicht vorausgesagt, sondern nur anschließend beschrieben werden. Dagegen verwehren sich Lazarus und Launier mit dem Hinweis, die deskriptive Analyse bilde nur eine Grundlage für die Auswahl der beobachtbaren auslösenden oder verursachenden Variablen. Sie sei nur solange zirkulär, bis die notwendige empirische Untersuchung der Determinanten erfolgt sei.
Den beschriebenen Beziehungskategorien müssen beobachtbare kausale Person- und Umweltvariablen zugeordnet und deren Wechselwirkung untersucht werden. Als Persönlichkeitsvariablen können Motivationsmuster und persönliche Überzeugungen herangezogen werden, als situative Variablen etwa die Gefahr oder Wahrscheinlichkeit einer Schädigung, oder aber die Mehrdeutigkeit einer Situation. Allerdings führt die Betrachtung kausaler Variablen schnell weg von Transaktion und Beschreibung zu dem Konzept der Interaktion (215ff.).
3.4 Der interaktionistische Ansatz: Suche nach Determinanten
Für hypothetische Beziehungen folgt das Modell der Logik der Varianzanalyse: Unabhängige Person- und Umweltvariablen werden getrennt betrachtet und dann wieder in das System eingebracht. Damit wird die Analyse deterministisch. Bei voreiliger oder sklavischer Anwendung dieses Untersuchungsmodells gibt es jedoch Schwierigkeiten:
Vielfach wurde der S-R-Ansatz verwendet, um Stressreaktionen wie Angst, Ärger, Aggression zu untersuchen. Der Befragte stufte seine voraussichtliche Reaktion auf Skalen für einzelne Situationen ein. Hier wurden jedoch die Persönlichkeitseigenschaften weder definiert noch gemessen. Mit einer so angelegten Forschung lassen sich Persönlichkeitseigenschaften als Determinanten von Stressreaktionen nicht identifizieren, obwohl dies möglich wäre (216).
Andere Ansätzen wollen Interaktionen zwischen Person und Umwelt streng deterministisch als Stressreaktionen belegen. Eine derartige Forschung sei kaum deskriptiv oder prozessorientiert, da Merkmale von Personen (Eigenschaften) und Umwelt als stabil angenommen und mit einem aktuellen Interaktionsprozess gleichgesetzt werden (216).
Es wurde beobachtet, dass ein vigilanter *2 Bewältigungsstil zu einer stärkeren Stressreaktion vor und einer schwächeren nach einer Operation führte als ein Vermeidungsstil. Hieraus wurde gefolgert, dass die Unterschiede in der Bewältigung für Unterschiede im Reaktionsmuster verantwortlich seien. Das tatsächlich Verhalten der betreffenden Personen in den entsprechenden Situationen wurde jedoch nie untersucht, d.h. die aktuelle Prozessbeschreibung blieb aus. Doch statistische Interaktionen zwischen Person und Umwelt sind nicht notwendigerweise äquivalent oder analog mit einem Interaktionsprozess. Wir müssen uns also stets fragen, ob die angenommene Eigenschaft in der Untersuchungssituation tatsächlich wirksam war.
Ein weiterer Mangel der Interaktionslogik der Varianzanalyse besteht darin, dass sie von einem linearen Ursache-Wirkungs-Modell (S-R- oder S-O-R-Kausalketten) ausgeht. Es gehört hingegen zu den Grundprinzipien der Persönlichkeitspsychologie, dass sie von einer multiplen Verursachung und einer Überdetermination ausgeht. Ein weiteres Grundprinzip ist die Umkehrung der Verursachung. Die Person denkt und handelt und verändert dadurch die Person-Umwelt-Beziehung. Die Änderungen werden dem Bewusstsein durch kognitive Aktivität rückgemeldet. Darüber hinaus widersetzt sich die Umwelt oft unseren Bewältigungsversuchen.
Langfristige Untersuchungen von Personen mit behindernden Erkrankungen oder nach Trauerfällen machen diese Umkehrung besonders deutlich. Sie zeigen, dass Trauer oder Kummer lange und komplexe Abfolgen von Prozessen mit vielen Veränderungen der Person-Umwelt-Beziehung und der Bewältigungsprozesse hervorrufen. Diese fortlaufende Dynamik kann mit linearen oder statischen Modellen nicht angemessen erfasst werden. Die Bewältigung verändert die Person-Umwelt-Beziehung und starke Emotionen dauern nie lange an (218f.).
Anderseits treten in bestimmten Prozessen auch Regelmäßigkeit und Stabilität auf. Daher müssen beide Bezugssysteme – das deskriptiv-transaktionistische und das deterministisch-interaktionistische – in die gleiche Konzeption eingebracht werden!
3.5 Geologische Analogie
In der uns umgebenden Landschaft können wir ein ständiges Wechselspiel zwischen den mehr oder weniger stabilen Strukturen und den treibenden Kräften oder verändernden Prozessen beobachten. Unsere Kenntnisse geologischer Phänome wären unvollständig, wenn wir nicht sowohl auf die Struktur als auch auf den Prozess und ihre Wechselwirkung achten würden.
"Auf ähnliche Weise muß sich die Persönlichkeitspsychologie sowohl mit der Struktur oder Stabilität als auch mit der Veränderung oder dem Prozeß (Dynamik) befassen. Es schien uns, daß man sich in letzter Zeit allzu sehr mit dem ersteren auf Kosten des letzteren beschäftigt hat." (220)
4. Frühere theoretische Forschungsansätze der Lazarus-Gruppe (227-232)
4.1. Untersuchung zur kognitiven Bewertung und intrapsychischen Bewältigung
4.2. Grenzen des Laborexperiments
4.1. Untersuchung zur kognitiven Bewertung und intrapsychischen Bewältigung
Nach dem zweiten Weltkrieg gewann die Stressforschung immer mehr an Bedeutung. Die Mehrheit der Wissenschaftler beschäftigte sich mit zwei Problemen:
  • den Abwehrmechanismen in Erinnerungs- und Wahrnehmungsprozessen
  • der Wirkung von Stressbedingungen auf Leistung und die Lernfähigkeit.
Auch die Gruppe um Lazarus, die in den sechziger Jahren zusammenfand, beschäftigte sich mit diesen Problemen. Sie waren von Anfang an der Meinung, dass die Art und das Ausmaß der Stressreaktion in einem engen Zusammenhang mit der Bewertung der Situation bzw. des Stressors (primäre Bewertung) und der Einschätzung der Bewältigungsmöglichkeiten (sekundäre Bewertung) zu sehen ist.
Um dies zu untersuchen wurden mehrere Reihen von Laborexperimenten durchgeführt, darunter auch Untersuchungen zur Bedeutung der Vermittlungsrolle kognitiver Bewertung.
Da Menschen dazu neigen, durch die Beobachtung fremder Erfahrungen emotional zu reagieren, erschienen Filmvorführungen als eine geeignete Methode, um Stressreaktionen auszulösen. Für diese Laborexperimente sprach die Möglichkeit der fast annähernd präzisen Messung, der Manipulierbarkeit vieler Bedeutungsvariablen und der experimentellen Kontrolle.
Eine der wichtigsten Untersuchungen (Speisman, 1964) zu dem Thema, manipulierte mit verschiedenen Kommentaren zu einem Stummfilm die Bewertung und löste unterschiedliche Reaktionen aus.
Der Film zeigte australische Initiationsriten, die beinhalteten, dass ohne Narkose am Hoden und Penis operiert wurde. Die Forscher zeigten den Film mit unterschiedlichen Kommentaren, die in Form von Reiseberichten verfasst wurden.
  • Der Trauma-Kommentar:
    Er stellt die bedrohlichen Aspekte des Films in den Vordergrund. Es werden Worte wie Schmerz und Qual verwendet.
  • Der Leugnungs-/Reaktionsbildungs-Kommentar:
    Die Szenen werden als harmlos, sogar als lustvoll für den Jungen, dargestellt.
  • Der Intellektualisierungs-Kommentar:
    Hier werden wissenschaftliche Sprache und eine objektive Betrachtung der Geschehnisse vermittelt.
Der Trauma-Kommentar führte zu einer subjektiven wie auch vegetativen Verstärkung der Stressreaktion, währen die anderen beiden sie abschwächten. Diese lösten eher Abwehrmechanismen aus. Der Leugnungs-Kommentar erleichtert es, die unangenehme Wirklichkeit zu verdrängen oder sie nicht als solche wahrzunehmen, während der Intellektualisierungs-Kommentar durch die wissenschaftliche Sprache eine emotionale Distanz schuf, die es möglich machte, die Reaktion abzuwehren.
Man stellte allerdings fest, dass das Ausmaß der Stressreduzierung von den Persönlichkeitsmerkmalen der Versuchspersonen abhing. Manche reagierten stärker beim Intellektualisierungs-Kommentar und zeigten dafür eine geringere Reduzierung beim Leugnungs-Kommentar. Lazarus nennt sie Intellektualisierer. Die Probanten, die andersherum reagierten, wurden Leugner genannt.
Die Untersuchungen bestätigten die Vorannahme, dass das Ausmaß und die Art der Stressreaktion von der Bewertung der Situation und den vorhandenen Bewältigungsmöglichkeiten abhängen.
4.2 Grenzen des Laborexperiments
Wie bereits erwähnt, erschien das Laborexperiment zu Beginn der Forschung als wunderbare Möglichkeit, um Stressreaktionen auszulösen, zu manipulieren und zu beobachten.
Durch diese Untersuchungen konnten wichtige Erkenntnisse in Erfahrung gebracht und maßgebliche Grundlagen geschaffen werden und sie waren sicherlich notwendig. Doch stießen die Forscher auf Grenzen. Es kamen Fragen auf, die mit Laborexperimenten nicht oder nur begrenzt beantwortet werden konnten. Es gab Bereiche, wie z.B. Dauerstress, die im Labor nicht erforscht werden konnten.
Generell konnten die Laborexperimente nur einen Schatten der Wirklichkeit zeigen. Schon die Versuchssituation nahm der Reaktion die Natürlichkeit. Faktoren, wie die gewollte oder ungewollte Einflussnahme durch den Forscher oder die durch die Situation bedingten begrenzten Reaktionsmöglichkeiten der Versuchspersonen, können die Ergebnisse verfälschen. Auch komplexere Zusammenhänge, z.B. mehrere Stressoren oder phasenweise auftretender Stress, können kaum untersucht werden. Das gleiche gilt für Stress, der durch Schmerzen, Verletzungen oder Krankheit ausgelöst wird, die im Labor selbstverständlich nicht oder zumindest nur sehr begrenzt simuliert werden können. Ebenso können einige andere Phänomene nur unter großem Aufwand erforscht werden, z.B. dass sich Reaktionsmuster ändern oder Situationen sich auch anders bewerten lassen.
Abschließend ist zu sagen, dass die Möglichkeiten des Laborexperiments nur begrenzt für die Stressforschung geeignet sind. Um dies zu verdeutlichen sind hier Vor- und Nachteile nebeneinandergestellt:
Vorteile Nachteile
annähernd präzise Messung,

Manipulierbarkeit vieler Bedeutungsvariablen

experimentelle Kontrolle

"Freiwilligkeit" der Versuchsperson
nur begrenzte Rekonstruktion natürlicher Situationen

"Dauerstress", längere Stressverläufe, komplexere Zusammenhänge und Veränderbarkeit der Reaktionen können so nicht erforscht werden.

"Schattenbilder"
Einfluss des Forschers
Forscher sieht nur das, was er was er sehen will

5. Grundlagen transaktionistischer Theorien (S. 233-258)
5.1 Schema zur kognitiven Bewertung
5.2 Bewältigungsprozesse
5.3 Klassifikation von Bewältigungsprozessen
Die Grundlagen, auf der die transaktionistischen Theorien beruhen, bilden zum einen die kognitiven Bewertungsprozesse und zum anderen die Bewältigungsstrategien.
5.1 Schema zur kognitiven Bewertung
In der kognitiven Bewertung werden Wahrnehmungen durch eigene Erfahrungen und Erkenntnisse (primäre Bewertung) und die zur Verfügung stehenden Bewältigungsfähigkeiten und -möglichkeiten (sekundäre Bewertung) bewertet. Kontinuierlich ändert sich hier die Beurteilung des Geschehens in Reflexion mit der Umwelt und der damit verbundenen Folgen für das eigene Wohlbefinden.
Die primäre und die sekundäre Bewertung sind nicht an eine zeitliche Abfolge gebunden und nicht voneinander zu trennen. Ihr Zusammenhang wird anhand der Definition des psychologischen Stress verständlich. Wenn Personen Ereignisse nicht als bedrohlich oder gefährlich einstufen oder wenn Personen ihre Bewältigungsmöglichkeiten als ausreichend ansehen, kommt es zu keiner Stressreaktion und somit zu keiner Schädigung. Die primäre Bewertung unterteilt sich, nach der Beurteilung einer Person, in drei weitere Kategorien:
Ein EREIGNIS:
  • ist irrelevant, d. h. dass es als unbedeutend für das Wohlbefinden betrachtet wird.
  • ist günstig/positiv, d.h. eine Person fühlt sich wohl oder erlebt positive Emotionen.
    Eine Anpassung oder Bewältigung ist nicht erforderlich.
  • Bei positiven/günstigen Bewertungen kann es zu einer Vermischung mit der Form der Bedrohung der stressenden Bewertung kommen. Hier erkennt eine Person, dass es sich um eine zeitbedingte Situation handelt oder dass diese nur mit Anstrengungen erhalten werden kann und erlebt dieses als Bedrohung.
  • ist stressend, d. h. das Wohlbefinden ist gegenwärtig oder zukünftig gefährdet.
Hierbei können drei Formen unterschieden werden:
1. Schädigung/Verlust
Diese Form bezieht sich auf eine bereits eingetretene Schädigung
2. Bedrohung
Bei der bedrohlichen Bewertung wird eine zukünftige Schädigung oder ein Verlust gedanklich schon vorweggenommen.
3. Herausforderung
Die herausfordernde Bewertung weist die Besonderheit auf, nicht zwangsläufig zu einer Schädigung zu führen. In diesem Fall wird davon ausgegangen, dass es sich um positiv getönte Emotionen handelt, d. h. die Person fühlt sich motiviert, angespornt eine Situation zu meistern.
Die sekundäre Bewertung wirkt sich gestaltend auf die Maßnahmen der Bewältigung aus und beeinflusst die Ausformung der primären Bewertungsprozesse. Hier wird geprüft, ob die verfügbaren Bewältigungsfähigkeiten und -möglichkeiten ausreichend oder nicht ausreichend sind.
Zu einer Stresssituation kommt es nun, wenn in der primären Bewertung ein Ereignis als stressend bewertet wird und in der sekundären Bewertung die Bewältigungsfähigkeiten und -möglichkeiten als nicht ausreichend eingestuft werden. Es erfolgt eine Neubewertung der Situation, die in der Form der Rückkopplung oder des Leugnens erfolgt. Das Rückkopplungssystem beinhaltet, dass Informationen über eigene Reaktionen und über die Umwelt reflektiert werden und so zu einer sich ständig verändernden Transaktion mit der Umwelt führen. Die defensive Form der Neubewertung ist das Leugnen. Man spricht auch von einer Intellektualisierung, d. h. die Person distanziert sich psychologisch von der Situation. Hierdurch schafft sie sich eine selbsterzeugte und selbsttäuschende Neubewertung.
An dem Beispiel einer bevorstehenden Prüfung möchte ich das Zusammenspiel der zwei Ebenen verdeutlichen: Der Stressor ist hier die Prüfung. Zunächst wird die Person überprüfen, ob die eigenen Ressourcen ausreichen und wie groß die Diskrepanz zwischen den Fähigkeiten und den Anforderungen ist. Verfügt die Person über ein ausreichendes Wissen zum Prüfungsthema und fühlt sie sich der Prüfungssituation gewachsen, wird das Ereignis als günstig/positiv eingstuft werden können. Sind die Fähigkeiten nicht ausreichend, wird die zukünftige Situation zunächst als stressend eingestuft. Die Prüfung wird als Bedrohung oder Herausforderung wahrgenommen. Die Neubewertung der Situation wird innerhalb des Rückkopplungssystem dazu führen, dass die Person sich fehlendes Fachwissen aneignen wird und damit die Situation als besser kontrollierbar erscheinen lässt (auch können hier Entspannungsmethoden helfen die Situation ruhig zu meistern). Der Stressfaktor wird ausgeschaltet, die Person kann sich wohlfühlen. Wird die Person dazu neigen, das Ereignis zu leugnen, bleiben ihre Bewältigungsmöglichkeiten- und fähigkeiten unverändert, d. h. sie unternimmt nichts, um dem Stress zu begegnen.
5.2 Bewältigungsprozesse
Das 'Wie', also die jeweilige Art, wie Menschen Stress bewältigen, scheint von größerer Relevanz (es gibt intuitive und empirische Gründe für diese Annahme) für die Lebensmoral, soziale Anpassung und Gesundheit/Krankheit als die Häufigkeit und Schwere der Stressepisoden.
Zunächst einige Unzulänglichkeiten, auf die Lazarus & Launier hingewiesen haben und deren Bearbeitung notwendig ist, um eine zukunftsträchtige Psychologie der Bewältigung zu entwickeln.
  • Bisher wurde das Augenmerk der Forschung vor allem auf die Stabilität und Beständigkeit von Bewältigung gelegt, Prozesse wurden nicht in ihrer Gesamtheit wahrgenommen.
    Personen und Umwelt unterliegen einer ständigen Veränderung und Dynamik, woraus sich schließen lässt, dass Variabilität Entwicklung begünstigt und Stabilität einen Prozess zu kurz fasst.
  • Die Messung und Beschreibung von Bewältigungsprozessen stößt auf die Problematik der Komplexität von Prozessen.
    Die Ursachen für Stress sind häufig länger wirksam, verändern sich, sowie sich auch die Bewältigung in Bezug auf die Zeit verändert und ebenfalls die Anpassungssituationen. Der Zeitfaktor, die jeweiligen Umstände und die Identifizierung ihrer Determinanten sind also maßgeblich in die Beschreibung miteinzubeziehen, um zuverlässige Erkenntnisse zu gewinnen.
  • Aufgrund eines fehlenden Instrumentariums und gültigen Rahmenbedingungen, also theoretischen Grundlage und eines Ordnungsschemas können Beschreibungen noch nicht zusammenhängend klassifiziert werden.
  • Der Fokus auf den Aktivitätsbereich war bisher zu eng gefasst; antizipatorische Stresserfahrungen, präventive Bewältigung, Bemühungen zur Aufrechterhaltung, ebenso soziale und institutionelle Maßnahmen wurden ungenügend beachtet.
  • Die Abwehrmechanismen wurden zu Lasten von Effektivität und Entwicklung überbetont, d. h. es liegen zu wenige Ergebnisse darüber vor, wie Menschen durch entwickungsorientietes Verhalten Krisen meistern und auch an Lebensereignissen wachsen, Stress also bewältigen.
5.3 Klassifikation von Bewältigungsprozessen
In diesem von Lazarus (1974) eingeführten Schema zur Klassifikation von Bewältigungsprozessen haben Lazarus & Launier einige Veränderungen vorgenommen und es erweitert, um einige der zuvor erläuterten Unzulänglichkeiten zu beheben.
In dieser Klassifikation wird zunächst eine zeitliche Orientierung vorgenommen. Wie schon in der primären Bewertung angedeutet, bedarf die Bewältigung einer vorangegangenen oder gegenwärtigen Schädigung bzw. eines Verlustes anderer Kognitionen oder Handlungen als zukünftige Schädigungen. Diese werden durch den thematischen Charakter verdeutlicht, wonach eine erlittene Schädigung überwunden, toleriert oder durch Erholung ausgeglichen wird, oder vergangene Ereignisse werden im gegenwärtigen Situationszusammenhang neu interpretiert. Nach der Bewertung wird es als Schädigung wahrgenommen. Anders bei zukünftigen Schädigungen (Bedrohung):
Hier werden Versuche erforderlich sein, durch vorbeugende oder entwicklungsorientierte Prozesse, den gegenwärtigen Status quo aufrechtzuerhalten oder einer Schädigung vorzubeugen. Deutlich wird zudem, dass ein zukünftiges Ereignis, dass als Herausforderung bewertet wird, nicht zwangsläufig zu einer Schädigung führen muss. Nimmt man diese Herausforderung an, besteht durchaus die Gefahr, dass man sich einer gewissen Gefährdung aussetzt. Durch entwicklungsorientiertes Verhalten führt das eher zu einer positiven Einstellung. Als Beispiel wäre hier die Weiterentwicklung eines Kindes in einer Eltern-Kind-Beziehung zu nennen.
Bewältigungsbemühungen können zwei instrumentelle Schwerpunkte haben: Das Selbst oder die Umwelt. In einer gestörten Person-Umwelt-Beziehung können beide Faktoren, einzeln oder gemeinsam, vom Individuum als dafür verantwortlich betrachtet werden. Durch die Veränderung einer oder beider Faktoren kann Stress abgebaut, beseitigt oder erträglich gestaltet werden.
Die Unterscheidung dieser beiden Schwerpunkte ist von der zeitlichen Orientierung unabhängig, also davon ob eine Schädigung schon eingetreten ist oder es sich um eine zukünftige Bedrohung oder Herausforderung handelt.
Die Funktionen der Bewältigung unterscheiden sich zum einen in die Veränderung der stressenden Person-Umwelt-Beziehung und zum anderen in die Kontrolle der emotionalen Reaktion.
Die Regulierung der Emotionen stellt aus drei Gründen einen wichtigen Aspekt der Bewältigung dar:
  • Die Annahme, dass die Schmerzlichkeit, d.h. das Empfinden von Stressemotionen wie Angst, Schuld, Ärger, Depression zum Erwerb sowohl von "gesunder" als auch "pathologischer" Bewältigungsmodi (z. B. Abwehrmechanismen) führt.
  • Anpassungsprozesse können durch starke Emotionen gestört werden, da diese von dem normalen Beachtungsumfang für Hinweisreize ablenken oder nur eine selektive Aufmerksamkeit zulassen.
  • Stressemotionen lösen psychologischen Stress aus, d.h. eine bedrohte, herausgeforderte oder geschädigte Person ist physiologisch aktiviert. Ihr internes Milieu ist solange gestört, bis diese Störung erfolgreich kompensiert wird. Hierbei ist es wichtig, dass zwischen diesen beiden Interessen (psychologisch und physiologisch) ein Gleichgewicht herrscht. Für die körperliche Gesundheit ist es wichtig die Stabilität des internen Milieus zu erhalten.
Drei weitere Bewältigungsfunktionen sollen hier noch aufgeführt und erläutert werden, nämlich die Erhaltung der eigenen Möglichkeiten, das Tolerieren oder Ertragen von affektivem Distress und das Bewahren einer positiven Lebensmoral.
Die Erhaltung der Möglichkeiten beinhaltet als Kern flexibel zu bleiben, d. h. weitere Verhaltensweisen offen zu halten, wenn eine der gewählten nicht zum Erfolg führt. Nicht immer können äußere Bedingungen verändert werden, sodass es durchaus sinnvoll sein kann, sich aus einer belastenden Situation zurückzuziehen oder sie zu ertragen.
Bei affektivem Distress (z.B. Angst, Schuld, Depression) handelt es sich um eine zentrale physiologische Form des menschlichen Leidens. Nicht alle Stressformen können beeinflusst werden. Oft bleibt nur die Toleranz und das Ertragen von Stress, um wenigstens eine Handlungsfähigkeit zu erhalten.

Eine positive Lebensmoral ist ebenfalls für eine wirksame Bewältigung entscheidend, was bedeutet, sich nicht von beeinträchtigenden oder bedrohenden Lebensbedingungen entmutigen zu lassen.
Die Funktionen beinhalten jeweils die gleichen Ausformungen der Bewältigung, die sich in vier Formen unterteilen:
  • Die Informationssuche als instrumentelle Funktion liefert die Grundlage für die Änderung einer Transaktion oder hebt das Wohlbefinden, in dem sie eine Transaktion als besser kontrollierbar erscheinen lässt. Weiter kann sie genutzt werden, um vergangene Schädigungen neu oder zukünftige Ereignisse zu interpretieren.
  • Die direkte Aktion kann instrumentellen Charakter haben, sowie die Regulierung von Emotionen bewirken. Sie kann sich auf vergangene wie auch auf zukünftige Bedrohungen beziehen und dazu dienen sich selbst wie auch die Umwelt zu ändern.
  • Die Aktionshemmung hilft uns im Einklang mit situativen und intrapsychischen Gegebenheiten zu bleiben.
  • Die intrapsychische Bewältigungsform beinhaltet alle kognitiven Prozesse, die auf die Regulierung von Emotionen wirken. Zudem hat sie auch einen instrumentellen Wert, in dem zum Beispiel Entspannungstechniken angewandt werden, um sich vor einer wichtigen Prüfung zu beruhigen. Sie ist ebenfalls zeitlich unabhängig und kann die Umwelt und das Selbst akzentuieren.
Die Wahl dieser Bewältigungsformen hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab. Zum einen beeinflussen sicherlich bestimmte Umweltkonfigurationen, also äußerliche Faktoren, die ein Geschehen bestimmen und in einem situativen Kontext liegen, die Bewältigung. Zum anderen können aber gerade diese Determinanten als unwichtig eingestuft werden, wenn man Stress im psychologischen Sinne versteht.
An den folgenden Faktoren soll verdeutlicht werden, welche die Wahl der Bewältigungsformen beeinflussen können. Obwohl diese von vermittelnder kognitiver Bewertung abhängen, sind sie Bedingungen, die Bewältigungsprozesse beeinflussen.
  • Ein hoher Grad der Ungewissheit zum Beispiel wird verstärkt zur Informationssuche führen (um den Sachverhalt zu klären und handlungsfähig zu bleiben), die direkte Aktion vermindern und im Falle eines Scheiterns intrapsychische Folgen nach sich ziehen.
  • Hilflosigkeit dagegen kann zur direkten Aktion führen, da die Person auf der sekundären Bewertung basierend über genügend Mittel und Wege verfügt, einer Schädigung entgegenzutreten. Hoffnungslosigkeit als Übersteigerung dieses Gefühls kann die direkte Aktion lähmen.
  • Die Bewertung des Bedrohungsgrades und der Konflikte sind weitere Faktoren die beeinflussend wirken, ganz individuell.
Die Beurteilung der Wirksamkeit von Bewältigungsprozessen stößt auf das schon angeführte Problem der Komplexität.
Bewältigung und ihre Effizienz können nicht auf Grund einer einzigen Bewältigungsfunktion ausreichend erfasst werden, da ein Prozess mehrere Anpassungsfunktionen hat. Ob und wie diese zusammenhängen ist noch nicht ausreichend geklärt, doch sind sie für die Gesamtbeurteilung des jeweiligen Bewältigungverhaltens eines Individuums oder einer Klasse von Individuen wichtig. Jede Bewältigungssituation hat ihr eigenes Grundmuster, das im Vergleich mit anderen Situationen nur auf der abstrakten Analyseebene gemeinsame Merkmale aufweisen kann.
6 Zusammenfassung
Lazarus und Launier schließen ihre Arbeit mit einer Zusammenfassung, in der sie ihre Gedanken nochmals verdeutlichen.

Sie stellen klar, dass man Stressforschung nur erfolgreich durchführen kann, wenn man die Transaktion zwischen einer Person und einer Umwelt berücksichtigt.

Daraus ergeben sich für die Autoren vier Konsequenzen:

1. Man dürfe nicht außer Acht lassen, dass die Person die Umwelt beeinflusse, aber auch von ihr beeinflusst werde.

2. Die Beschreibung transaktionaler Beziehungen und der darin eingeschlossenen Prozesse müsse genauso berücksichtigt werden wie die aus Interaktion der jeweiligen Person- und Umweltvariable entstehenden kausalen Determinanten.

3. Es sei erforderlich, stressbezogene Transaktionen in ihrem phasenförmigen oder sequenziellen Verlauf zu beobachten. Dies beruhe auf der Tatsache, dass diese transaktionalen Beziehungen nicht nur beständig und stabil sind. Ganz im Gegenteil, sie seien dynamisch und veränderbar. Dies liege in der Natur einer wirksamen Stressbewältigung, in der sich entweder die Person mit den Emotionen oder die Umwelt oder beide ändern müssen.

4. Man müsse beachten, dass die wichtigsten Vermittlungprozesse kognitiv seien. Denken, Wahrnehmen und Urteilen verändern die Bewertung und somit auch die vorhandenen Bewältigungsmöglichkeiten.

Darüber hinaus gehen die Verfasser auf den Aufbau und die Struktur ihrer Arbeit ein und weisen darauf hin, dass einige Bereiche, wie z.B. kognitive Bewertungsprozesse oder die Schemata der Klassifikation, bereits überarbeitet und erweitert wurden. Abschließend erörtern sie ihre Auffassung, dass die Stressforschung einige Erneuerungen braucht. Sie sprechen von einer radikalen Änderung der Grundauffassung, des Forschungsparadigmas und des Begriffssystems, die unabdingbar sei, um einen fruchtbareren Forschungsansatz zu finden.

Anmerkungen
1 Literaturangaben am Ende. Auf den Basistext bezogene Hinweise sind lediglich mit Seitenzahlen angegeben. | zurück

2 Vigilanz (engl. vigilance): Aufmerksamkeit, die über eine längere Zeit durchgehalten wird; methodisches Paradigma, das in der militärischen Forschung seit dem Zweiten Weltkrieg eine Rolle spielte. Heute gehört Vigilanzforschung zu den wichtigsten arbeitspsychologischen Paradigmen des Grundlagenforschungsthemas Aufmerksamkeit. (Städler, 1998, 883). | zurück

Literatur
 
6 Literaturverzeichnis
Basistext:
Lazarus, R.S., & Launier, R., Streßbezogene Transaktion zwischen Person und Umwelt.
In: Nitsch, J. R., Stress - Theorien, Untersuchungen, Maßnahmen. Bern 1981, 213-259.
Sekundärquellen:
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Lazarus, R. S., Psychological stress and the coping process. New York, 1966.
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In: Levi, L. (Hg.), Society, stress, and disease. Vol. 1: The psychosocial environment and psychosomatic diseases. London 1971.
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Lazarus, R. S., & Folkmann, S., Stress, Appraisal, and Coping. New York 1984. Zit. n. Schlotz, W.,
www.psychologie.uni-trier.de/personen/wschlotz/veranstaltungen/Biopsych_ausgProb_SS01/stress3.pdf.
Universität Trier, Seminar "Ausgewählte Probleme der Biopsychologie", SoSe 2001.
Nitsch, J. R., Zur Gegenstandsbestimmung der Streßforschung.
In: Nitsch, J. R., Stress - Theorien, Untersuchungen, Maßnahmen. Bern 1981, 41.
Rohmert & Rutenfranz, Monotonie oder Sättigung.
In: Winkler, Astrid, Diplomarbeit am Institut für Angewandte Psychologie der Universität Leipzig,
www.schmerz-beschwerden.de/htdocs/1_3.htm, 14.7.2001.
Speismann, J. C., Lazarus, R. S., Mordkoff, A. M., & Davison, L. A., The experimental reduction of stress based on ego-defense theory. J. abn. soc. Psych., 1964, 68, 367 – 380.
Städler, T., Lexikon der Psychologie. Stuttgart 1998.
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Wintersemester
2001/2002

Dozent: Prof. Dr.
H. Kieselbach
Uni Hannover
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